Kultur

Es ist ein Herzschmerz

Es ist ein Herzschmerz

Was war zuerst da? Die stilbildende, wie mit dem Waffeleisen gepresste Löckchenfrisur der Seventies, die mindestens bis „Dirty Dancing“ (1987) gehalten hat? Oder die Sängerin Bonnie Tyler, die sie weltweit populär machte? Bei deren zweitem Markenzeichen, der rauen, sofort erkennbaren Reibeisenstimme, die der zarten Person Power und Street Credibility gab, ist die Zeitlinie jedenfalls klar: Das ehrgeizige Popsternchen aus Wales, das schon 1975 mit der zweiten Single „Lost in France“ die Top 10 der britischen Popmusikcharts und Platz 3 in Deutschland erreichte, ging erst so richtig ab durch seine eigene Ungeduld.

Denn während die noch sehr junge, fragile Karriere gleich wieder stagnierte, Titel wie „The World Starts Tonight“ oder „More Than a Lover“ nicht wirklich zündeten, unterzog sich Tyler 1977 einer Operation, um Knötchen von ihren Stimmlippen zu entfernen. Sie hörte nicht auf ihren Arzt, der ihr befohlen hatte, eine Zeit lang nicht zu sprechen. Ihre Stimme wurde nun unwiederbringlich aufgeraut. Es hätte das Ende sein können. Doch der Reibeisensang, der nach Teer, Whiskey und Straße – eben nach walisischem Arbeiterkind – klang, wurde ihr Erkennungszeichen. Tyler entwickelte sich zu einer der großen Rockpop-Röhren der Sventies und Eighties, immer direkt, ja rotzig, trotzdem einfache, aber sehnsüchtige Liebeslieder singend. Die ihren Akzent sorgsam pflegende Waliserin hatte gefühlt immer etwas Dreck unter den Fingernägeln.

Einen Riesenhit landete die Bonnie mit der neuen Stimme, die gern mit dem Organ von Rod Stewart verglichen wurde, sofort mit der Softrock-Ballade „It’s a Heartache“. Aber auch danach ruckelte die Laufbahn schon wieder, das Management wollte sie als „Country Chick“ verkaufen, und so wechselte sie von der Plattenfirma RCA zu CBS. Und dort schloss man sie für das 1983er-Album „Faster Than the Speed of Night“ mit Jim Steinman zusammen.

So bekam auch Bonnie Tyler ihre hymnische Powerrockballade, die sie endgültig in den Musik-Olymp katapultierte: das überlang-ekstatische „Total Eclipse of the Heart“, geschrieben von Steinman, später auch gekapert von Meat Loaf und der Hauptsong in der Musical-Version von Roman Polanskis „Tanz der Vampire“. Das millionenfach verkaufte Originalalbum, das in Großbritannien auf Platz 1 einstieg, brachte Tyler 1984 zwei Grammy-Nominierungen für die beste Popsängerin und die beste Rockmusikerin ein.

Damit hatte sie schon den Höhepunkt ihrer Karriere erreicht. Ab dann hieß es: irgendwie oben und kenntlich bleiben. Mit ihren drei Hits im Gepäck wurde Bonnie Tyler („I was born a fighter“) von den mit ihr alternden, aber auch neuen Fans umjubelt, zu einer Königin der Nostalgie-Gigs, so wie auch Suzie Quatro oder Smokey. Die, die von ganz unten kommen, haben gelernt, sich durchs Leben zu kämpfen – und sei es das eines Popstars.

Schon früh wollte die am 8. Juni 1951 als Gaynor Hopkins in Skewen, Neath geborene Tyler ihrer Mutter nacheifern, die von der Oper träumte – auch wenn die Bergarbeiterfamilie mit sechs Kindern sie stets zurück auf den Boden holte. So wurde es erst der Kirchenchor, dann Rockpop statt Arien. Zunächst sang sie in einer Gruppe namens Bobby Wayne and the Dixies. Ihre erste eigene Band, mit der sie durch die Kneipen und Nachtclubs in Südwales zog, nannte sie hoffnungsfroh Imagination. Tagsüber arbeitete sie in einem Lebensmittelgeschäft. 1973 heiratete sie Robert Sullivan, einen ehemaligen Judoka. 1975 erschien ihre erste Single „My! My! Honeycomb“, die kaum wer hören wollte.

Später, als der Tyler-Gipfel überschritten war, liefen auch noch das Duett mit Shakin’ Stevens „A Rockin' Good Way“ und 1984 „Holding Out for a Hero“ und „Here She Comes“ recht ordentlich. Bonnie Tyler arbeitete mit Mike Oldfield, Bon-Jovi-Produzent Desmond Child und Kiss zusammen und coverte Tina Turner.

Ende der Achtziger zog sie sich aus dem internationalen Musikgeschäft zurück, um 1991 mit dem von Dieter Bohlen unter dem Pseudonym Howard Houston produzierten „Bitterblue“ und den Softpop-Alben „Angel Heart“ (1992) und „Silhouette in Red“ (1993) ein Comeback zu feiern.

1995 wechselte sie erneut die Plattenfirma und den Produzenten, wollte wieder rockiger werden. Aber auch Jim Steinman und die Scorpions brachten sie nicht zurück in die Charts. Das gelang erst wieder mit der französischen Duettversion von „Total Eclipse“. 2013 nahm sie beim ESC für Großbritannien mit „Believe in Me“ teil und landete auf Platz 19. Zehn Jahre später erschien ihre Autobiografie „Straight From the Heart“. Doch sie sang auch danach einfach weiter. Ihr letztes, das 17. Studioalbum, hieß „The Best Is Yet To Come“.

Bonnie Tyler, die inzwischen im portugiesischen Faro wohnte und noch viele Konzerttermine im Kalender hatte, wurde dort Anfang Mai wegen eines Darmdurchbruchs in ein künstliches Koma versetzt. Am 8. Juli ist sie gestorben. Sie wurde 75 Jahre alt.

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