Hauptnachrichten

VW-Sparhammer trifft ganze Regionen: BILD in Emden, Zwickau und Neckarsulm

VW-Sparhammer trifft ganze Regionen: BILD in Emden, Zwickau und Neckarsulm
TTS-Player überspringenArtikel weiterlesen

Sparhammer bei Volkswagen! Der Autokonzern will bis zu 120.000 Arbeitsplätze streichen, vier Werke stehen auf der Kippe. Für die Beschäftigten ist das ein Albtraum. Doch die Folgen könnten weit über die Werkstore hinausreichen. BILD in Zwickau, Emden und Neckarsulm. Sollte VW dort die Produktion auslaufen lassen, könnte das ganze Regionen in die Krise reißen.

Große Sorge in Zwickau

In der sächsischen Autostadt herrscht blanke Verunsicherung. Vor dem Werk stehen zwar noch Bahntransporter mit Neuwagen, doch viele Beschäftigte fragen sich: Wie lange noch? Offen sprechen wollen viele VW-Mitarbeiter nicht – aus Angst um ihren Job. Ein Schichtarbeiter Mitte 50, der seit 1995 im Werk arbeitet, beschreibt die Stimmung drastisch: „Da können Sie Ihren Kopf in ein Güllefass stecken, dann wissen Sie, wie das ist. Wir werden nicht informiert.“ Er fürchtet, dass 2031 Schluss sein könnte. Ein Kollege, Mitte 50, sagt wütend: „Der Tiefpunkt ist seit gestern erreicht. Wir haben hier das modernste Werk, 1,7 Milliarden Euro wurden investiert.“

Doch betroffen wären nicht nur die rund 8000 Beschäftigten. Stadtsprecher Mathias Merz (56) warnt: „Es hängen auch Zuliefererbetriebe, Dienstleister und Handwerker daran.“ Eine Veränderung im Werk hätte „riesige Auswirkungen auf die ganze Region“. Schließlich sei das Werk der größte industrielle Arbeitgeber Sachsens. Erst vor wenigen Jahren wurde der Standort komplett auf E-Mobilität umgestellt. „Die mögliche Werkschließung beschäftigt die Menschen sehr“, sagt Merz. Auch in der Innenstadt wächst die Sorge. Schuhverkäufer Vincent Adner (19), der viele Freunde bei VW hat, sagt: „Wenn das alles wegfällt, wird das schwierig für Zwickau.“

Eisladenbetreiber Flavio Pedilarco (55) fürchtet ebenfalls die Folgen. Sollte das Werk schließen, könnte er weniger Umsatz machen und womöglich selbst Mitarbeiter entlassen. Gleichzeitig zeigt er Verständnis für den Konzern: „Wenn die nicht mehr genug Autos verkaufen, was sollen die machen? Die schließen das ja ganz bestimmt nicht gerne.“ Aus seiner Sicht habe Europa den Anschluss verloren: „Ich glaube, die haben sich mit den E-Autos verschätzt. Da hängen wir Europäer den Chinesen hinterher.“

Wichtigster Arbeitgeber in Emden

In Ostfriesland gibt es seit Tagen kaum ein anderes Gesprächsthema. Im Eiscafé laufen auf Handys Erklärungen der Politiker. Ein Besucher schüttelt den Kopf: „Das ist nichts Halbes und nichts Ganzes. Es wäre schön, wenn endlich mal Klartext gesprochen wird und nicht alle immer nur hingehalten werden.“ Linda und Bart Sikken betreiben zwölf Bäckerei-Filialen in Emden, drei davon in unmittelbarer Nähe des VW-Werks. Viele Beschäftigte gehören dort zu ihren Stammkunden. „Es wäre schön gewesen, wenn am Donnerstag eine klare Entscheidung gefallen wäre. So ist alles ungewiss und die Sorge und Angst in der Stadt bleiben.“

Auch Optikerin Anke de Vries spürt die Verunsicherung: „Wenn das Werk wirklich schließen sollte, wäre das für die Stadt katastrophal.“ Auf dem Wochenmarkt erzählt Besucherin Inge: „Meine Kinder arbeiten beide bei VW. Im Moment ist die Stimmung sehr gedrückt. Man muss sich jetzt genau überlegen, wofür man sein Geld ausgibt, und versuchen, irgendwie etwas zu sparen.“

Oberbürgermeister Tim Kruithoff (49) kämpft um den Standort. Zu BILD sagt er: „Ein solches Szenario möchte ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen.“ Volkswagen ist der wichtigste industrielle Arbeitgeber der gesamten Region. Ein Wegfall des Werks würde die ohnehin angespannte finanzielle Lage der Stadt weiter verschärfen. Denn schließen Werke, brechen den Regionen auch Gewerbesteuern weg. Die Folge: Die Städte müssten noch mehr sparen.

Neckarsulm bangt um Audi

Auch in Neckarsulm sorgt der Sparkurs für große Unruhe. Rund 15.000 Menschen arbeiten am Audi-Standort (gehört zum VW-Konzern). Entsprechend groß ist die Sorge, was ein Aus für Werk und Region bedeuten würde. Oberbürgermeister Steffen Hertwig (56) findet deutliche Worte: „Die Meldung von der drohenden Werksschließung trifft mich ins Mark. Audi ist für Neckarsulm mehr als ein großer Wirtschaftsfaktor.“ Er wolle all seine Kontakte nutzen und für den Standort kämpfen.

Wie abhängig die Stadt vom Werk ist, zeigt sich auch im Einzelhandel. Schuhhändler Karl und Susanne Kühner (beide 61) sorgen sich ebenfalls um die Zukunft. Karl Kühner sagt: „Von mir aus können auch die Chinesen das Werk übernehmen – Hauptsache, es bleibt erhalten. Wir brauchen die Kaufkraft der Audi-Angestellten. Wenn sie nicht mehr da sind, würde es mit dem Einzelhandel in der Stadt abwärtsgehen.“

Auch Hotelier Hans-Peter Küffner blickt mit Sorge auf die Entwicklung: „Rund 50 Prozent meiner Übernachtungsgäste kommen wegen Audi. Sollte das Werk schließen, müsste ich mich deutlich verkleinern. Man spürt schon seit einiger Zeit, dass es nicht mehr rundläuft.“

Einwohnerin Nelly Sigmann (51): „Man kann sich Neckarsulm ohne Audi gar nicht vorstellen. Jeder in der Stadt arbeitet entweder selbst dort oder kennt jemanden, der direkt oder indirekt mit Audi zu tun hat. Die Werksschließung wäre eine Katastrophe.“

Noch ist keine Entscheidung gefallen. Doch viele Menschen in den betroffenen Regionen haben die Hoffnung längst verloren.

Vielleicht verpasst