Wirtschaft

Wenn die Identitätssuche zur Staatskrise wird

Wenn die Identitätssuche zur Staatskrise wird

Bevor er mit seinem Koffer mit zehn Unterhosen, zehn T-Shirts, zwei kurzen Hosen, drei Pullovern und all seinen Strümpfen endlich in seine neue Wahlheimat Berlin ziehen kann, muss Max Gehrke erst noch die entlaufenen Schafe seiner Großmutter einfangen. Die Tiere findet er zum Glück schnell an ihrem Lieblingsplatz in einem stillgelegten Steinbruch. Denn eigentlich kann er es nicht erwarten, der Lethargie der Provinz zu entfliehen – und der Schwere, die seine Familie nach der Krebsdiagnose seiner Mutter begleitet.

Der 1994 in Thüringen geborene Manuel Bittorf gibt in seinem Debütroman „Goldener Retriever“ einen atmosphärischen und passagenweise amüsanten Einblick in die Herausforderungen, die das Leben für junge Erwachsene mit sich bringen kann. Wie findet man Antworten auf all die offenen Fragen in der Liebe, der Familie, zur Herkunft und zum sozialen Status? Und wie lernt man, mit den Konsequenzen seiner Entscheidungen zu leben? Der Autor schlägt vor: Bier mit Fremden in einer neuen Stadt und die Bekanntschaft mit Vierbeinern können hilfreich sein.

Bittorf, der in Deutschland vor allem als Sänger unter dem Namen „Betterov“ bekannt ist, greift das Motiv des Erwachsenwerdens und die Auseinandersetzung mit der eigenen familiären Herkunft nicht zum ersten Mal auf. Bereits in seinen Alben „Olympia“ aus dem Jahr 2022 und „Große Kunst“ aus dem Jahr 2025 lassen sich Referenzen darauf finden. So singt er etwa in „Immer die Musik“ von Serpentinen, die das Heranwachsen begleiten, oder teilt Gesprächsmitschnitte zwischen Vater und Sohn in dem Song „Papa fuhr immer einen großen LKW“.

In seinem Roman rücken nun zunächst die Entfremdung von den Daheimgebliebenen und Konflikte zwischen den Generationen in den Vordergrund. Wie sehr Sprachlosigkeit und Anspannung den Familienalltag prägen, zeigt sich in den Beschreibungen seines Protagonisten: Das Leben habe „viel mehr von Überleben“. Jedes Türöffnen fühle sich an, „als hätte jemand im Haus eine Waffe abgefeuert“. Die Rückkehr in den Alltag nach dem Familienurlaub ist wie ein „schwarzer Fleck auf der Linse einer Kamera“. Bittorf findet für die familiäre Beklemmung immer wieder Bilder, in denen selbst alltägliche Situationen etwas Bedrohliches bekommen.

Die volle Müslischale in der S-Bahn

Doch zum Glück erweist sich der Autor nicht nur in der melancholischen Betrachtung einer auseinanderbrechenden Familie als guter Beobachter. Im Roman begegnen einem Originale, wie sie wohl jeder aus der Provinz kennt: etwa der ortsbekannte Alkoholiker, den man nur „Grüß-dich-moin“ nennt, weil er das eben immer sagt. Oder „Kreisel“, der immer wieder in Schlägereien verwickelt ist, bei dem aber niemand weiß, warum er diesen Spitznamen eigentlich hat – sein Vater wurde eben auch schon so genannt.

Bittorf entwirft für seinen Roman mit Max Gehrke zudem einen Protagonisten, den man kaum nicht mögen kann. Max ist der Typ, der bedingungslos romantisch an seiner ersten Liebe Kiki hängt. Um ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen, hat er sogar seine Simson Habicht in ihrer vermeintlichen Lieblingsfarbe Silber lackiert und ihr Max Frisch zum Einschlafen vorgelesen, obwohl er „kein Wort verstand“ und es „wahnsinnig langweilig“ fand. Er ist der, der die Post für seine Familie beantwortet, weil er in der Familie „schon immer der Einzige gewesen ist, dem man diese ferne Welt des Ausdrucks und der Selbstdarstellung zugetraut hatte“.

Dass Herkunft bei Bittorf nicht nur eine Frage des Ortes ist, zeigt sich selbst in solchen sprachlichen Kleinigkeiten. Max muss sich bewusst korrigieren, um anders zu sprechen als die Menschen, unter denen er aufgewachsen ist. Die Distanz zur Heimat beginnt hier schon bei einem einzigen Wort.

Neben Kiki ist Max’ Schulfreund Chau, der mit ihm nach Berlin zieht, ein Anker in seinem Leben. Mit dem Umzug der beiden halten jedoch auch ein paar Klischees Einzug: Da gibt es charlottenburgische Villen als Kontrast zu schrillen Outfits und geschminkten Männern (wenn auch nur getarnt als Besucher eines Kiss-Konzerts) in der Eckkneipe mit vollgestickerten Toiletten. Und natürlich steht in der Bahn auf dem Weg zur Uni auch noch eine gefüllte Müslischale auf dem Sitz. Wer schon länger in Berlin lebt, den dürften solche Beobachtungen kaum überraschen. Zu Max’ Blick auf die neue Stadt passen sie trotzdem: Es ist der Blick eines Neuankömmlings, dem noch all das auffällt, was man nach einigen Jahren kaum noch hinterfragt.

Treffend beschreibt Bittorf die Unsicherheit der ersten Wochen an der Universität, inklusive der Angst, am ersten Tag nicht direkt Freunde zu finden, denn „wer das verpasst, ist auf ewig verloren“. Während der Orientierungsphase ergeben sich interessante Beobachtungen: Je weiter Max sich von seiner Heimat entfernt, desto deutlicher wird, was ihn noch mit ihr verbindet. In Berlin sucht er ausgerechnet nach dem, was er zurückgelassen hat: Gemeinschaft und Vertrautheit, aber auch die Verbindung zu seiner ersten großen Liebe Kiki. Dazu kommen die ambivalenten Gefühle: Man möchte für die Familie da sein, sich aber auch ganz weit von ihr weg wissen.

Beendet wird die lethargische Identitätssuche von Max und Chau erst mit einem Vierbeiner. Die Begegnung bringt Bewegung in das Leben der beiden und zwingt sie – vielleicht zum ersten Mal –, eine weitreichende Entscheidung zu treffen. Mit der Handlung zieht auch das Erzähltempo wieder an. Mitgerissen von dem neuen Impuls rauscht man dann gemeinsam mit dem Autor durch den Berliner Westen.

Die Suche nach der eigenen Identität kann sich, wie Bittorf sie beschreibt, für einen jungen Menschen wie eine Staatskrise anfühlen – oder durch einen dummen Zufall zu einer werden. In solchen Momenten, das lehrt der Roman, sollte man mindestens eine Nummer eines Herzensmenschen auswendig parat haben.

Zur Person: Manuel Bittorf, geboren 1994 in der Nähe von Eisenach, arbeitete mehrere Jahre am Theater und studierte später Schauspiel an der Universität der Künste Berlin. Unter dem Namen Betterov ist er als Musiker erfolgreich. 2025 veröffentlichte er sein zweites Album „Große Kunst“, mit dem er in den Top 10 der Charts landete. Er lebt in Berlin.

Manuel Bittorf: Goldener Retriever. Erscheint am 01. Oktober im Gutkind Verlag, 224 Seiten, 22 Euro

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