Kultur

Wie sich die arabische Schrift ausbreitete – und wo man sie jetzt nicht mehr will

Wie sich die arabische Schrift ausbreitete – und wo man sie jetzt nicht mehr will

Mit dem Islam begannen sich seit den 630er-Jahren auch die arabische Sprache und Schrift, bislang nur auf der arabischen Halbinsel verwendet, auszubreiten. Zunächst war es nur die Herrschaft des Islams, die mit atemberaubender Geschwindigkeit expandierte. Dann setzte allmählich die Ausbreitung der arabischen Sprache ein.

Die Arabisierung weiter Teile der entstehenden islamischen Welt seit dem 7. Jahrhundert war ein langwieriger, komplexer Prozess. Zuletzt war der gesamte Großraum zwischen der Atlantikküste Afrikas und Europas über Nordafrika und Vorderasien bis hin zum Zweistromland und bis ins Innere Afrikas nicht nur islamisch, sondern auch arabisch. Hier entstand die „arabische Welt“, wie wir sie heute kennen und deren arabischen Charakter niemand mehr in Frage stellt.

Lange überlebten und überleben teilweise bis heute die autochthonen Sprachen in diesen immer stärker arabisierten Ländern. Das Berberische ist im westlichen Nordafrika (Maghrib) noch immer lebendig. Das Koptische in Ägypten ist heute nur noch Sakralsprache der ägyptischen Christen. Das Aramäische existiert im vorderasiatischen Raum, nur noch in Form einzelner, jetzt definitiv existenziell bedrohter, Sprachinseln christlicher Minderheiten, etwa in Maalula im Antilibanon, im Tur Abdin (am Tigris im türkisch-syrisch-irakischen Grenzland), am Urmia-See (im westiranischen Aserbaidschan) oder in der Ninive-Ebene bei Mossul (Irak). Das Griechische und das Lateinische, lange Zeit als Bildungs- und Verkehrssprache in Nordafrika und Vorderasien, die weitgehend christlich waren, bedeutend, verschwanden bald völlig.

Bemerkenswert ist, dass aber im Zuge der Expansion des Islam viele islamisierte Länder durchaus ihre eigenen Sprachen behielten. Islamisch ist nicht deckungsgleich mit arabisch. Im Iran hielt sich das Persische (Farsi), die osmanischen Türken behielten ihre eigene Sprache wie auch die Turkvölker Zentralasiens. In Westafrika behauptete sich das Hausa, in Ostafrika das Suaheli und das Somali, in Afghanistan das Paschtu. Im pakistanisch-nordindischen Raum war das Urdu die dominierende Islamsprache, südlich davon das Pandschabi. Vor allem in Malaysia und der indonesischen Inselwelt werden die Varianten des Malaiischen als der zweitgrößten Islamsprache weltweit von fast 300 Millionen als Muttersprache verwendet.

Diese Sprachen sind mit dem Arabischen in keiner Weise verwandt und vielfach auch nicht untereinander. Was ihnen aber gemeinsam ist: Sie wurden bald alle mit der arabischen Schrift geschrieben. Die arabische Sprache spielte in den Ländern dieser Idiome eine herausragende Rolle als Sakralsprache, vor allem als Sprache des Heiligen Buches, des Korans, der auch im Alltag präsent war. Wer lesen und schreiben konnte, bediente sich oft auch des Arabischen.

Deshalb war die arabische Schrift sehr weit verbreitet, in vielen Bereichen bedeutend und entwickelte sich auf diese Weise auch zum Medium der verschriftlichten Sprachen der islamisierten Regionen – wobei diese Idiome nicht durch das Arabische ersetzt wurden, sondern sich teilweise dynamisch weiterentwickelten und sogar aufblühten, wie etwa das Persische als Sprache von Dichtung und Bildung weit über die Grenzen des engeren iranischen Kulturraumes hinaus. Dabei erleichterte die Verwendung der arabischen Schrift die Aufnahme von arabischen Fremd- und Lehnwörtern in die Sprachen der islamisierten Ethnien.

Unterschiedliche Völker entwickelten verschiedene Varianten der arabischen Schrift. Die Ruqa- und die Diwani-Schrift gelten beispielsweise als typisch türkische Ausprägungen. Nasta’liq ist eine persische Variante, die im 15. Jahrhundert entstand und auch in Pakistan Verwendung fand.

Lange hat die Schreibweise anderer Sprachen mit arabischer Schrift im Bereich des Islam die Kommunikation erleichtert und kulturelle Gemeinsamkeiten gestärkt, ohne die kulturell-ethnischen Eigenarten und Individualismen völlig zu verwischen oder aufzulösen. Der Austausch von sprachlichen Elementen etwa zwischen dem Persischen und dem Türkischen wurde vereinfacht.

Nachdem Jahrhunderte Suaheli, Hausa, Malaiisch/Indonesisch und andere Sprachen islamischer Völker arabisch geschrieben worden waren, kam im 19. Jahrhundert eine Wende. Mit dem europäischen Kolonialismus – in Indonesien etwa niederländischer, in Ostafrika beispielsweise britischer und deutscher Prägung – ging die Einführung der lateinischen Schrift einher. Dies war eine Erleichterung für die Europäer, kam oft auch dem Lautbestand der betroffenen Sprachen entgegen und wurde auch von den Missionaren, die vielfach Schulen betrieben, begrüßt, für die die arabische eine islamische Schrift war.

Wo Kyrillisch die arabische Schrift ersetzte

In Zentralasien war es der russische Imperialismus, der die kyrillische Schrift einführte und die arabische ersetzte. So wird in Kirgistan und Kasachstan heute für die Nationalsprache das kyrillische Alphabet verwendet, während in den traditionell islamischen Nachbarstaaten für diese Sprachen das arabische Alphabet zur Verwendung kommt.

Einheimische Initiativen begünstigten ebenso die Umstellung von arabischer auf lateinische Schrift. Die Europa-Orientierung, die Mustafa Kemal Atatürk dem türkischen Volk verordnete, begünstigte die Schriftreform in der modernen Türkei, die 1928/29 die lateinische Schrift für das Türkische einführte. Ähnliche Entwicklungen gab es in vielen anderen islamischen Ländern, sodass heute zahlreiche Islamsprachen lateinisch geschrieben werden. Etwa das Kurmandschi (Nordkurdisch) wird seit den 1930er-Jahren in Lateinschrift geschrieben (vorwiegend in der Türkei und Syrien, teilweise auch im Iran und Irak), im Bemühen um Einheitlichkeit auch bei der Überschreitung von Staats- und Schriftgrenzen. Auch im malaiischen Sprachraum wurde die Jawi-Schrift, für die man das arabische Alphabet um sechs Buchstaben erweitert hatte, im 20. Jahrhundert mehr und mehr zurückgedrängt.

Eine faszinierende Geschichte durchlief das Aserbaidschanische, das zunächst in den 1920er-Jahren zum lateinischen Alphabet wechselte, dann unter sowjetischem Zwang das Kyrillische verwendete, aber nach der Unabhängigkeit bei der Auflösung des Sowjetimperiums Anfang der 1990er-Jahre zum lateinischen Alphabet zurückkehrte.

Andere islamische Idiome behielten die arabische Schrift bei (etwa Persisch/Farsi oder Urdu). Die einzige Variante des Arabischen, die heute lateinisch geschrieben wird, ist – aufgrund von Maltas Hinwendung zu Europa – das Maltesische.

Hatte diese Entwicklung mit dem Kolonialismus begonnen, so wurde sie später durch die zunehmende Globalisierung gefördert, die einerseits die islamisch-arabischen Bezüge weniger dominant und essenziell erscheinen ließ, andererseits die Verwendung lateinischer Buchstaben als Vorteil deutlich machte, gerade im wirtschaftlichen Bereich oder auch im internationalen akademisch-technischen Austausch. Selbst die Rückbesinnung auf traditionell-islamische Werte und Normen in der islamischen Welt kann die Rolle der lateinischen Schrift in den islamischen Weltregionen nicht ernsthaft gefährden, wenn auch im religiös-theologischen Bereich das Arabische (Sprache und Schrift) weiterhin eine Rolle spielt.

Alfred Schlicht ist Islamwissenschaftler und hat unter anderem die Bücher „Gehört der Islam zu Deutschland?“ (Orell Fuessli) und „Die Araber und Europa“ (Kohlhammer) verfasst.

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